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Posts mit dem Label "Spaziergang" werden angezeigt.

Nachtmusik

Bei einem meiner Spaziergänge im März überraschte mich die Dämmerung. Ich bemerkte es, als ich durch das Wäldchen streifte und urplötzlich ein Heidenspektakel in den Kronen ausbrach. Ich stieg die Böschung hinab und legte mich in das vertrocknete Gestrüpp. Lächelnd schloss ich die Augen und lauschte. Es trällerte und zwitscherte, jubilierte und tschilpte, schäkerte und pfiff. Der wandlungsfähigste Vogel saß links von mir im Geäst. Als ich die Augen öffnete, entdeckte ich ihn schwarz wie ein Scherenschnitt. Er sang zärtlich, dann fordernd, leise, dann laut. Als mir die Kälte in Arme und Beine kroch, erhob ich mich und ging nach Hause. Ein Käuzchen begleitete mich rufend. Und hin und wieder knackte es im Gebüsch.

stehaufhunderl

Mein Hund ist ein Stehaufhunderl. Wir machen wieder halbstündige Spaziergänge. Ich schlendere im Nebel. Er trabt, bremst, schnüffelt, trabt. Hinterher ist er müde. Aber nicht genug um aufs Bellen zu verzichten, wenn ein Radfahrer hinter der Heckscheibe auftaucht, sobald ich ihn auf der Heimfahrt mit dem Auto überhole. Früher hatte ich wenig Verständnis für faule Hundebesitzer, die ihre Hunde zu den Spazierwegen kutschieren, das Auto in der Wiesen parken, die Heckklappe aufreißen, den Hund herausklettern lassen, ein paar Meter den Weg entlang schlurfen und bei jedem Grasbüschel eine Fünfminutenpause einlegen, an dem der Hund zu schnüffeln beschließt. Heute weiß ich: so mancher Mensch ist nicht gehscheu. Sein Hund ist alt.

Eiszeit

Was für ein bedrohliches Naturschauspiel! Bei meinem Spaziergang gestern über die Felder schaute ich irgendwann zurück auf den Ort, aus dem ich losgegangen war. Häuser drückten sich an die Hänge, bunt zusammengewürfelt, der Kirchturm nicht höher als das höchste Haus am höchsten Hügel. Aber dahinter! Eine Wolkenwand saß dem Ort im Nacken; länger als die Hügelkette, scharf geschnitten wie ein Eisberg. Meinen Wohnort so zu sehen – die Häuser, die Hügel und die Eiswand! – verschaffte mir ein mulmiges Gefühl.

Tausendsiebenhundert

Ich weiß, dass das Ende naht. Was ich nicht weiß, ist: wann. Wir waren wieder spazieren. Ich habe mir ausgerechnet, an wie vielen Tagen meines Lebens wir vermutlich gemeinsam spazieren waren. Es sind in etwa tausendsiebenhundert. Tausendsiebenhundertmal raus aus der Tür. Ab in die frische Luft. Der Hund vorne, ich hinterher, den Blick auf seine weiße Rute gerichtet, die auf und ab wippt, während er rennt, dann stoppt, kehrt macht, die Nase am Boden, bis der Speichel Sabberfäden zieht, weil irgendetwas zwischen den Steinen oder Halmen oder Sandkörnern anregend riecht. Mein Hund hat eine marode Herzklappe. Wasser sammelt sich wegen ihr in seiner Lunge. Dann hustet er. Und so stellte ich fest, dass etwas nicht stimmt. Nun füttere ich Tabletten, die das Herz stärken und das Wasser aus seiner Lunge abführen. Wie lange das gut geht? Wer kann das schon sagen? Zitat der Tierärztin: „Er ist ziemlich bedient.“ Das Dumme ist, dass ich damit gerechnet habe, eines Tages einen alten Hund zu habe...

Die drei Zauberer

Es gibt sie, die Zauberer, nun weiß ich´s genau. Mächtige Zauberer sind es, die Siedlungen verwandeln. Und plötzlich ist aus dem Ort, der sich das ganze Jahr über an die Hügel drückt, eine Ansammlung von Bauklötzen geworden. Aus der Ferne blicke ich auf die Siedlung aus Blauklötzen. Bunt sind sie; zitronengelb und himmelblau, blütenrosa und mausfarbe. Auf jedem Klotz sitzt ein Hut in weiß. Weiß auf zitronengelb, weiß auf himmelblau. Der höchste sitzt auf einem Baustein, der hervorragt wie ein Kirchturm - und ja: überzeugt war ich bei jedem meiner Spaziergänge über die Felder im Sommer, dass dies der Kirchturm sei. Und heute stehe ich auf dem Feld und weiß, die Zauberer heißen Winter, Schnee und Eis.

Schschgrr

Der Hund entdeckte beim Spaziergang etwas, das ihm die Haare zu Berge stehen ließ. Ich trat neben ihn, um zu sehen was es war. Zu unseren Füßen fiel der Boden zum Fluss ab. Nur ein schmaler Pfad zwischen Holler und Dornen führte nach unten. Der Pfard war nicht breiter als die Schultern des Hundes. Hier sprang der Hund im Sommer täglich hinunter in die Gusen, lief am Ufer auf und ab, plantschte, hielt nach Fischen Ausschau und fing doch nie welche. Rief ich ihn, zog er sich mit allen Vieren mühsam den Hang hinauf; einem Zweibeiner wäre es unmöglich gewesen heraufzukommen. Genau bei dem Pfad standen wir heute. Unten lagen die Ränder der Gusen in eisiger Ruhe zugefroren. Aber in der Mitte! Da rauschte das Wasser vorwärts. Eisschollen trieben dahin, nicht größer als zwei Handflächen; sie drehten sich im Strudel, strebten weiter und rieben an den scharfen Kanten des Eises an den Ufern. Ein leises Schaben. Dann Stille. Und wieder: schschgrr, schschgrr. Zu viel für den Hund! Es entfuhr ihm...

Werde ruhig

Lege dich einmal in der Woche auf die Erde unter einen Baum. Liege und spüre den Boden, der hart ist, und registriere, wie sich der Himmel über dir spannt. Betrachte den Baum. Betrachte, wie seine Äste sich gegen den Himmel recken, wie sie versuchen, ihn zu berühren. Und dann werde ruhig. Ruhig in deinen Beinen und ruhig in deinen Armen, ruhig im Geist. Denn: Auf der Erde liegend in die Bäume schauen, ist die beste Methode, um vollkommen ruhig zu werden.

Ei

Weißer und gelber Schleim, dazwischen Schalensplitter. Ein Ei liegt auf dem Gehsteig. Ich steige über die Bescherung und überlege, was passiert sein könnte, sodass ein einziges Ei ausgerechnet auf den Gehsteig fällt.

Weißes Licht

Eines Tages wird es mich holen, dieses weiße Licht, von dem alle berichten, die dem Tod von der Schaufel gesprungen sind. Daran dachte ich an diesem Morgen in der Au. Vor mir lag der Weg aus hellem Kies, der unter meinen Schuhen knirschte. Ich musste den Blick gesenkt halten, denn der Weg verschwand in einem weißen Licht. Nebel und Sonne. Blendend vereint.

verzaubert

Das Dunkel verzaubert. Nur von den Häusern an der Straße, kommt Licht. Licht, das in der Dunkelheit blind macht. Ich schaue weg von der Straße. So gehe ich vorwärts und sehe kaum, wo hin ich trete. Vor mir raschelt der Hund. Neben mir spüre ich die Feuchte, die aus dem Wald dringt und unter meine Haut. Plötzlich riecht es nach Nuss. Nicht nach Nussschnecken oder Nusskeksen. Es riecht nach Nusslaub, nach Suchen und Klauben im Gras, nach kalten Gummihandschuhen, ohne denen die Finger tagelang schwarz sind, weil die Schale der Nüsse im Herbst zu schwarzer Schmiere verfault. Der Hund zieht an der Leine. Ich rufe nach ihm. So gehen wir weiter im Dunkeln am Waldrand, bis mir ein neuer Geruch in die Nase steigt. Gärende Äpfel. Mir ist, als höre ich das Donnern der alten Presse, als schmecke ich den goldenen Saft, als sage meine Mutter: „Nicht zu viel Süßmost, Kind, hockst du morgen am Klo.“

Schotterstraße

Der nasse Kies unter meinen Stiefeln riecht modrig, nach Regen, nach Herbst. Ich ziehe den Reißverschluss der Jacke zu. Meine Hände vergraben sich in den Hosentaschen. Wenn ich beim Gehen die Augen schließe und die regennasse Schotterstraße ausblende, kommt mir der Sommer in den Sinn, als der Schotter nicht nach Straße und Herbst roch, sondern nach Freiheit am Baggersee.

behäbig

Ich mag es gerne, wenn der Herbst kommt. Ich mag die Behäbigkeit, die er in den Alltag bringt. Wie heute, als ich zum Spaziergang am Morgen meine Jacke auspackte, die neu ist.

Wald

Mein Kopf schmerzt in der Mittagsglut, bevor ich in den Wald trete. Es ist angenehm kühl. Ich atme tief ein. Das Kopfweh ist schlagartig fort. Wie glitzern die Sonne durch das Blätterdach. Wie raschelt der Wind. Seufzend lass ich mich auf der Erde nieder, wo Ameisen trockene Blätter Huckepack tragen. Eine Amsel singt. Im Hochsommer ist der Wald der beste Aufenhaltsort.

Kiebitz

Vor mir liegt das Zuckerrübenfeld. Irgendwo, verborgen zwischen den krautigen Blättern, schreit etwas. Die Schreie erinnern mich an das Miauen der Mäusebussarde, wenn sie hoch am Himmel ihre Kreise ziehen. Ich beschatte die Augen. Kein Bussard in Sicht. Nur Kiebitze stelzen durch die Rübenblätter. Mein Hund jagt mit heraus hängender Zunge an mir vorbei. Das Miauen im Rübenfeld verstummt. Nur mein Hund japst in der Stille. Dann geschieht etwas, das ich aus Tierfilmen kenne. Als hätte einer von ihnen ein Zeichen gegeben, das meinen menschlichen Augen verborgen blieb, flattern von überall Kiebitze aus den Rüben – noch hinein ins Himmelblau. Mit miauenden Schreien stürzen sie auf die Erde nieder. Mein Hund weiß nicht, wie ihm geschieht, als die Kiebitze auf seinen Rücken hacken. Er nimmt Reißaus und jagt den Feldweg zurück, den wir gekommen sind. Die verteidigen ihre Küken, denke ich und schaue den schwarzweißen Vögeln beim Landen zu. Jetzt, wo sie wieder durch die Rüben staksen, ist alle ...

Abendrot

Selbst durch den Nebel kommt der Abend rot und alles ist, das Feld, das Haus, das Straßenlicht, in rot gemacht.

Sommerblumen

Ich spaziere in der Mittagspause. Sonne, kalte Schatten und die ersten welken Blätter. Ein schöner Herbstag, denke ich noch und stutze. Munter blühen auf der Wiese zwischen grünen Halmen Sommerblumen.

Schotter

Steine, hingeschüttet. Gesprenkelt wie Wachteleier. Beiger, weißer, grauer, kinderfaustgroßer, im Flussbett gewaschener Schotter, der glitzert, wenn er zerbricht. Katzengold nannte mein Opa das Glitzern.

Wolkensonne

Die Sonne franst aus, wenn sie hinter Wolken brennt. Wie Lampen hinter Rauchschwaden über den Tischen im Pub. Ich lächle vor mich ihn, während ich gehe. Endlich kann ich mit freiem Auge ins Gelbe sehen.

Raps

Üppig gedeihen die krautigen Blätter und hier und da blüht was Gelbes. Ich balanciere am Feldrain. Es riecht nach Raps. Mitten im November!