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Von Schwärmen

Heute bin ich wieder einmal unsicher. Warum wissen Vögel in Schwärmen eigentlich, welchem Vogel sie folgen müssen? Die Tauben am Morgenhimmel wussten es jedenfalls nicht, so oft wie sie im Kollektiv die Richtung änderten. Aber vielleicht wussten sie es doch. Das Auf und Ab, das Links und Rechts könnten Teil eines Plans gewesen sein. Oder Zufall. 

Ungarisches Wollschwein

Ich liege auf der Couch. Im Badezimmer rumpelt die Waschmaschine. Das Rumpeln wird schneller und schneller. Jetzt surrt die Maschine regelrecht und ich überlege mir, dass ich keine Wäsche sein möchte. Hinterher hätte ich einen Knopf in den Haaren, so schnell wie sich die Trommel dreht. Der Knopf ginge nie wieder raus. Ich müsste meine Haare abschneiden. Da sich meine Haare liebend gerne ringeln, sähe ich mit kurzen Haaren aus wie ein Ungarisches Wollschwein. Wie ein Schwein vorallem deshalb, weil mir die Waschmaschine so viele Haare ausreißen würde, dass mein Haar nicht nur verfilzt sondern auch schütter wäre. Die Waschmaschine steht still. Ich stehe von der Couch auf und öffne die Badezimmertür. Es riecht nach Seife, Wasser und frischer Wäsche.

Sellerie-Öko-Bus

Ich raffe meine Tasche zusammen und sprinte los. Drüben biegt der Bus behäbig in die Haltestelle. Die Ampel stoppt meinen Lauf. Sie ist rot. Ich schaue links, ich schaue rechts. Es ist kein Durchkommen. Die Autos rasen an mir vorüber. In der Haltestelle öffnet der Bus seine Türen. Die Schlange der Wartenden wird immer kürzer. Ich stutze. Ist der Bus neu oder was? Eine Aufschrift in grün zieht sich quer über die Fensterscheiben. Sellerie-Öko-Bus. Ich grinse und vergesse fast, dass ich mit dem Gemüsebus mitfahren soll. Endlich springt die Ampel um und ich laufe, was meine Beine hergeben. Als ich den Bus erwische und endlich auf einen Sitzplatz falle, entziffere ich die Aufschrift am Fenster spiegelverkehrt. Serieller-Öko-Bus.

Die letzten Tage

Das Ende rumort. Ich erwache mit schlechtem Magen und geh damit ins Bett. Ich glaube, wer Abschied nimmt ohne Abschied im Bauch ist trotzdem ein armer Hund.

verwirrt

Sie ist alt und hat einen Stock. Die Spitze schleift hinter ihr her über den Gehsteig. Plötzlich verharrt sie, hebt den Stock. Ich hole die Alte ein. Da sehe ich es. Etwas, das klein ist, liegt in ihrer Linken. Sie zeigt dem Etwas mit dem Stock fuchtelnd die Stadt. Mein Gott, denke ich, wieder so eine Verwirrte. Im Vorbeigehen werfe ich einen Blick auf ihre bleiche Hand. Ich will wissen, was sie da hält. Schlagartig ist mein Mund trocken wie die Sahara. Ein Foto von einem Baby. Noch im Bus denke ich an die alte Frau.

Wunder

Ein paar freie Tage wirken Wunder. Ich habe meinen Kaffeekonsum reduziert und ich esse weniger Schokolade. Mal sehen, wie lange mein Wunder anhält.

gespannt

Ganz selten ist das Schreiben eine Mühe. Mein Kopf ist dann gespannt, etwa so, als hätte einer im Schädel so ein Ding angebracht – mir fällt jetzt nicht ein, wie das Ding heißt – und das Ding spreizt sich von innen gegen die Schläfen, sodass mein Kopf fast auseinander fällt. Aber von außen hält mein Schädel dagegen, weil so leicht bricht ein Dickkopf wie der meine nicht in zwei Teile. Druck von außen gegen Druck von innen. Ja, so fühlt sich das an, wenn mein Kopf gespannt ist und mir nicht einfällt, was ich schreiben soll und auch nicht, wie das blöde Ding heißt, das Schuld ist an der Plage mit dem Schreiben.

Stille

Gestern, am frühen Sonntagnachmittag, als ich auf der Couch lag, sah ich ein Stück Torte vor mir, dunkel mit Schokostreußeln und kandierter Kirsche oben drauf. Ich schluckte. So eine Torte! Das wär´ jetzt was! Ich holte mein Fahrrad unter dem Balkon hervor, schwang mich in den Sattel und radelte in den Markt hinunter. Niemand begegnete mir. Die Kirchturmuhr zeigte halb zwei. Scheinbar saß der allgemeine Bürger sonntags um halb zwei bei Kaffee und Kuchen, weil er das geplant hatte und radelte nicht, wie ich, einem Stück Torte hinterher, weil ich nichts geplant hatte. Die Konditorei hatte geschlossen. Einziger Hoffnungsschimmer: Sie öffnete in einer halben Stunde. Also sperrte ich mein Rad ab und schlenderte auf den Marktplatz. Auch der Marktplatz war menschenleer. Ich setzte mich ins gläserne Bushäusel und wartete. Zuerst war mir langweilig. Ich betrachte meine Schuhe auf dem Pflaster, das aus großen steinernen Quadern gelegt war. In Gedanken zog ich die Fugen zwischen den Steinen nach....

Rabe

Ich habe einen Raben geschossen. Zack! Aus dem Flug. Seine Augen sind offen, der Ausdruck ist klug. Ich betrachte den Raben. Er hängt wie am Faden. Aufgespannt. In der Luft. Ich bin stolz auf meine Jagd. Stolz auf den neuen Fotoapparat.

Dämmerschlaf

Wärme. Süße Wärme. Zehen und Ballen, Sohle, Beine, Magen und Fingerspitzen durchdringende, wohlige Wärme. Es blinzelt der Tag. Und draußen, vorm Fenster, da draußen, tschilpen die Spatzen.

Zacken wie Fühler

Ich hab sie aus dem Urlaub mitgebracht. Das ist lange her. Sie ist weiß, gedreht, mit Spitzen und Zacken, als hätte sie Fühler. Manchmal, wenn ich sie ansehe, stelle ich mir vor, wie ihre Fühler Steine abtasten. Sie umklammert die Steine, zieht ihren Körper zusammen, zieht sich vorwärts, kriechend und wogend in den Wogen des Meeres. Dann muss ich lachen. Mein zackiges Riesenschneckenhaus ist niemals gekrochen. Es war die Schnecke, die ihn ihm wohnte, und die habe ich nicht mitgenommen.

Das Bild

Blaue Striche, grüne Striche. Rot, viel rot. Der Wald im Herbst. Und wieder grün. Das Bild hängt hier seit ich denken kann. Ich denke nie an dieses Bild. Ich sehe es nicht einmal, wenn ich es sehe. Es gehört zu diesem Raum. "Von wem ist das?" fragt Agatha. "Was?" "Das Bild da." Ich lege den Kopf seitlich und schaue an die Wand. Blaue Striche, grüne Striche. Rot, viel rot. Zum ersten Mal seit Jahren sehe ich dieses Bild.

bellen

Jetzt sitz ich da und tippe und hab das Tippen nicht verlernt. Erstaunlich. Ich hab so lange nicht getippt. Mein bester Freund ist zurzeit mein Bett. Einmal ist mir im Bett was eingefallen. Das hab ich mir gemerkt. Das ging so: Meine Lungen bellen, sodass meine Lungen am Bellen zerschellen. Ich hoffe, ihr hattet einen besseren Start ins neue Jahr. Alles Gute für 2012.

Kaktus

Ich habe einen Kaktus bekommen, einen kleinen Kaktus, mit je einem Kaktuskind links und einem rechts - als hätte er Arme, mein Kaktus. Und eine Frisur. Denn auf dem Kopf trägt mein Kaktus eine Strohblume, die ist mit Heißkleber festgemacht. Ich finde, er sieht aus wie Billy the Kid, der die Arme hochreißt, bevor Sheriff Pat Garrett ihn erschießt. Also taufe ich meinen Kaktus Billy the Kid.

Zwiespalt

Heute will ich hinaus. Will die Sonne auf meiner Haut. Der Wind soll mir die Röte ins Gesicht blasen. Ich will zertretene Birnen auf den Straßen, dazwischen vertrockente Blätter, denn jetzt ist das Später, an das ich im Sommer dachte, als mich die Hitze zum Faultier auf der Gartenbank machte. Ach, wäre doch gestern. Da lief ich hinaus. Ich spürte die Sonne auf meiner Haut und den Schatten im Wald. Warum war mir so kalt? Ich lief schneller, da war mir noch kälter. Ich wollte heim, einfach nur rein, mich am besten gewickelt in Decken hinterm Ofen verstecken.

Langeweile

Mir ist schwer in Kopf und Beinen. Das ist die Langweile. Regen fällt in dünnen Strichen. Ich starre aus dem Fenster, lange und trübe, wie der Tag.

Wespennest

An den Lamellen meiner Jalousie hängt ein Wespennest, ein kleines, mit drei Wespen, die emsig bauen. „Leider, ihr Wespen“, sage ich und gehe an die Kurbel. Die Wespen fliegen emöprt davon, als die Lamellen das Nest zerquetschen wie Papier, das man zerknüllt. Sie werden wieder kommen. Ich behalte jedenfalls die Jalousie im Auge.

Gurke

Gebogen, grün, mit Pusteln aus Erde. So liegt sie vor mir auf dem Küchentisch. Ich bringe sie zur Spüle und halte sie unter den Wasserstrahl. Das Wasser nutzt nichts. Ich muss die Erde mit dem Daumennagel abkratzen. Dann hachle ich die Gurke zu mintgrünem Gurkensalat. Manchmal esse ich Gurken auch ohne Dressing, in Scheiben geschnitten, zum Butterbrot.